Die Zirbe im Nationalpark

Die Zirbe – auch Arve oder Zirbelkiefer genannt – ist die Baumart des Hochgebirges: Hochspezialisiert, kälteresistent und langlebig trotzt sie den oft lebensfeindlichen Bedingungen der Hochlagen. Ursprünglich stammt die Zirbe aus Sibirien. Vor rund 10.000 Jahren ist sie nach der letzten Eiszeit nach Mitteleuropa eingewandert und hat sich nach dem Abschmelzen des Eises im Alpenraum […]

Die Zirbe – auch Arve oder Zirbelkiefer genannt – ist die Baumart des Hochgebirges: Hochspezialisiert, kälteresistent und langlebig trotzt sie den oft lebensfeindlichen Bedingungen der Hochlagen. Ursprünglich stammt die Zirbe aus Sibirien. Vor rund 10.000 Jahren ist sie nach der letzten Eiszeit nach Mitteleuropa eingewandert und hat sich nach dem Abschmelzen des Eises im Alpenraum ausgebreitet. Wer die Zirbe im Nationalpark Berchtesgaden antreffen möchte, muss hoch hinaus: In den Plateaulagen der Reiteralm und des Steinernen Meeres findet sie ungeachtet des eisigen Windes, Frosts und Schnees geeignete Wuchsbedingungen und kommt dort häufig in Gesellschaft der Europäischen Lärche (Larix decidua) vor.

Ansprüche der Zirbe an Klima und Standort

Im Nationalpark Berchtesgaden ist das Vorkommen der Zirbe an relativ strahlungsreiche und wärmere Südwesthänge gebunden. Diese eher windabgewandten (Lee-) Wuchsstandorte sind durch geringere Jahresniederschläge und höhere Temperaturunterschiede zwischen Winter- und Sommerhalbjahr gekennzeichnet. Die Frosthärte der Zirbe wechselt im Jahresverlauf und ist dabei von der Tageslänge abhängig. In den kalten Wintermonaten übersteht der immergrüne Nadelbaum Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius unbeschadet, in den Sommermonaten können den Nadeln schon geringe Minus

grade zusetzen. Die Zirbe wagt sich in Höhen vor, in der die Vegetationszeit (= Wachstumszeit) nur zwei bis drei Monate beträgt. Um die lange Schneedeckung und damit den Befall von Schneepilzen zu vermeiden, ist die Zirbe im zerklüfteten Kalkgestein bevorzugt an exponierten, schneearmen Karrenrippen und Felsblöcken zu finden.
Der Abbau der Nadelstreu verläuft sehr langsam, was zum Aufbau mächtiger Auflagehumusdecken (Rohhumus) in den Zirbenbeständen beiträgt. Hier finden ihre Samen (= Zirbennüsse) ausgezeichnet Voraussetzungen zu keimen. Zirben leben in einer Lebensgemeinschaft (Symbiose) mit verschiedenen Wurzelpilzen (Mykorrhiza) und verbessern dadurch ihre Wasser- und Nährstoffaufnahme.

Vom Leben gezeichnet

Die kurze Vegetationszeit lässt nur ein sehr langsames Wachstum der Zirbe zu. Zirben blühen selten vor dem 40. Lebensjahr, wegen des rauen Klimas werden nur alle sechs bis zehn Jahre zahlreiche Zapfen gebildet. Trotzdem können die Zirben in ihrem extremen Lebensraum sehr alt werden (vgl. Steckbrief). Bizarr anzusehen sind die in den Hochlagen durch Schnee, Wind, Lawinen oder Blitzschlag gezeichneten Zirben, die auf Wipfel- oder Astbrüche mit Ersatztrieben reagieren und zerzauste „Wetterzirben“ mit mehreren Wipfeln ausbilden. Bei windgekämmten Bäumen können bei der windzugewandten Seite (Luv) die Äste sogar völlig fehlen.

Ein ungleiches Team: Zirbe und Lärche

In den Berchtesgadener Alpen tritt die Zirbe fast immer gemeinsam mit der Lärche auf zerklüftetem Kalkgestein in einem lockeren, mosaikartigen Bestand von Einzelbäumen auf. Beide Baumarten spielen dabei unterschiedliche Rollen: Die Lärche wächst rascher und ist lichtliebender als die Zirbe. Die Zirbe hingegen lässt sich beim Wachsen Zeit und ist als Jungpflanze deutlich schattentoleranter. Die Lärche verfolgt beim Schutz vor Frost und eisigen Temperaturen andere Strategien als die Zirbe: Sie wirft als einziger heimischer Nadelbaum ihre Nadeln im Winter ab.

Im Unterwuchs dieses Karbonat-Lärchen-Zirbenwaldes sind in wechselnder Zusammensetzung die L

atsche (Pinus mugo) und die kalkliebende Bewimperte Alpenrose (Rhododendron hirsutum) sowie ein Nebeneinander von säureliebenden Zwergsträuchern wie Heidelbeere (Vaccinium myrtillus), Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) und Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) zu finden. Außerdem bereichern Hochstaudenpflanzen in Rinnen und Runsen, verschiedene Pflanzenarten der angrenzenden Rasengesellschaften sowie zahlreiche Moose und Flechten diesen besonderen Gebirgs-Lebensraum.

Hochspezialisierte Teamarbeit: Zirbe und Tannenhäher

Die Zirbe verdankt ihr Vorkommen einem dunklen, weißgetupften Rabenvogel mit kratziger Stimme: dem Tannenhäher.  Für ihn sind Zirbennüsse die Hauptnahrungsquelle. In dieser hochspezialisierten Lebensgemeinschaft profitieren beide Partner voneinander: Der Tannenhäher transportiert die schmackhaften aber schweren Zirbennüsse über weite Strecken und macht so eine Verbreitung der Zirbe über größere Distanzen erst möglich. Er öffnet die harten Zapfen mit seinem kräftigen Schnabel, sammelt die Zirbennüsse in seinem Kehlsack und fliegt zumeist hangaufwärts auf felsigen Kuppen und Rücken. Hier legt er Vorratslager für den Winter an. Trotz seines guten Gedächtnisses kann sich der Tannenhäher später nicht mehr an

jedes einzelne Depot erinnern – ein großes Glück für die Zirbe! Wissenschaftler vermuten, dass rund ein Fünftel der versteckten und vergessenen Samen keimt und neue Zirben wachsen. Wenn an diesen Standorten gleich mehrere Samen keimen, können mehrstämmige Zirben aufwachsen. Damit leistet der Tannenhäher einen wichtigen Beitrag für die Verbreitung der Zirbe in den Alpen.

Bedingungsloser Schutz im Nationalpark Berchtesgaden:

Im Nationalpark Berchtesgaden sind alle Pflanzen- und Tierarten und ihre Lebensräume geschützt. In diesem Gebiet ist die Zirbe deshalb keiner Nutzung unterlegen und nicht gefährdet.

Steckbrief Zirbe  (Pinus cembra)

Familie: Kieferngewächse (Pinaceae)
Erscheinungsbild: bis zu 25 m* hoher immergrüner Nadelbaum mit kegelförmiger Krone oder variabler Wuchsform („Wetterzirbe“)
Rinde: bei jungen Bäumen: graugrün und glatt, im Alter: dunkelgrau und längsrissig
Nadeln: 5-11 cm lange, 3-kantige Nadeln; Nadeln zu 5 gebündelt beisammen, Lebensdauer  4-6 Jahre;
Blütezeit: Mai bis Juli
Zapfen: eiförmig, aufrecht,  6-10 cm lang; jung: grün und violett überlaufen, nach der Reife: braun; erst im Herbst des Folgejahres voll ausgebildet und Samen reif, im Frühjahr des 3. Jahres: Abfall der Zapfen und Zerfall
Samen: pro Zapfen bis zu 90 Samen (hartschalige Nüsschen („Zirbennüsse“) )
Alter*: über 800 Jahre alt
Höhenvorkommen*: 1150 – 2135 m
* im Nationalpark Berchtesgaden

 

Autor: Doris Huber, Nationalpark Berchtesgaden

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